Die Idee

BRIDGING THE WORLD OF DIFFERENT PERCEPTION

An dieser Stelle möchte ich beschreiben, welche Idee sich hinter dieser Web-Seite und den hiermit verbundenen Angeboten verbirgt.

Mir geht es darum, zum einen Interesse am Fremden zu wecken und Toleranz gegenüber dem Fremden zu verbessern. Gleichzeitig möchte ich, dass man sich aber auch seiner eigenen kulturellen Werte und Vorstellungen stärker bewusst wird, mit dem Ziel, Verständnis und Wertschätzung für das Gegenüber zu fördern.

Kinship matters – culture matters – stories matters

And too, law matters, indigenous law and the fight to have our place recognised in a country that denied us for too long

Marcia Langton, one of Australia’s most important voices for Indigenous Australia (from: Welcome to the country, 2018)

Das Bekannte

Die postmoderne westliche Wissensgesellschaft (im Gegensatz zur Glaubensgesellschaft) sieht sich mit dem Problem der Informationsüberflutung konfrontiert, und es die Aufgabe des einzelnen, aus der Mannigfaltigkeit der Informationen die jeweils „wichtigen“ zu selektieren.

Der Rekurs auf einfache Antworten, wie er (deshalb) heute zunehmend praktiziert wird, ist eine logische, aber zu simple und bequeme Strategie.

Diese Simplifizierung bedeutet, dass die einzelnen Schritte von der Frage zur Antwort, von der Aufgabe zur Lösung für den Laien nicht mehr nachvollzogen werden können. Um die hierdurch entstehenden (kausalen) Lücken zu füllen, bleibt ihm nichts anderes übrig, als (dem Spezialisten) zu glauben. Es bleibt festzuhalten, dass sich der Einzelne für alle Gebiete, in welchen er sich nicht auskennt (und die werden immer zahlreicher) „glaubhafte und glaubwürdige“ Fachleute suchen muss. Diese „Glaubwürdigkeit“ ist von der Person des Spezialisten ebenso abhängig wie von der Erwartungshaltung des Laien.

Gemäß Michael Balint (1957) sind in der Arzt-Patient-Beziehung folgende drei Faktoren maßgeblich:

–   die Persönlichkeit des Arztes

–   die Persönlichkeit des Patienten

–   die therapeutische Situation, das heißt die Rollenerwartung beider – der Glaube des Arztes an seine Medizin (nicht das Wissen) und schließlich das Vertrauen des Patienten in die Fähigkeiten des Arztes.

Mit einem postmodernen Wertepluralismus geht ein Entscheidungspluralismus einher. Die Entscheidungen obliegen dem Individuum. Richtig und Falsch werden zu vagen Begriffen und die Freiheit zur Entscheidung birgt die Freiheit und Gefahr der Fehlentscheidungen. So sieht sich der postmoderne Mensch nun durch individuelle Fehlplanung mit der Gefährdung seiner (beispielsweise beruflichen oder familiären-partnerschaftlichen) individuellen Existenz konfrontiert und ist gezwungen, die Folgen der Entscheidungsfreiheit selbst zu tragen (von der globalen Verantwortung ganz abgesehen).

Menschen die in stratifizierten Gesellschaften mit wenig Handlungs- und Entscheidungsfreiräumen sozialisiert wurden, finden sich in unserer von Wertepluralismus und Entscheidungspluralismus geprägten sozialen Umwelt mit zahlreichen postmigratorischen Stressoren konfrontiert.

Das Fremde

„Fremdes“ ist in niedrigen Dosen häufig interessant, gegebenenfalls sogar exotisch. Es wird allerdings zur Bedrohung, wenn mit dem Fremden eine sogenannte Entfremdung von den eigenen Werten, Vorstellungen und Idealen verbunden wird. Dies geschieht dann, wenn das Fremde, das Andersartige überall und dominierend wahrgenommen wird, wenn also nicht auf das Verbindende, sondern das Trennende fokussiert wird.

Letztlich erst dann, wenn das oder der Fremde nicht mehr als fremd gesehen wird, sondern auch als Teil einer übergeordneten Kultur, wird dieser Teil dieselben Rechte bekommen wie die eigene Kultur, und denselben Schutz genießen.

Spätestens seit der massiv angestiegenen Migration von Menschen mit nicht europäischer Sozialisation nach Europa wird „das Fremde“, zunehmend in den Flüchtlingen gesehen, die in großer Zahl hierherkommen und dadurch ins abendländische Bewusstsein drängen. In zahlreichen Arbeitskreisen, Projekten und Initiativen wird deshalb versucht, die Menschen in Deutschland mit der Kultur der Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan und Irak und Afrika südlich der Sahara vertraut zu machen. Und gleichzeitig werden diesen Menschen, die meist nicht freiwillig ihre Heimat verlassen haben, die „westliche“ Kultur und deren Werte näher gebracht. Der Prozess jedoch, das „Fremde“ daneben ebenfalls zuzulassen, kennen zu lernen, miteinzubeziehen und wertzuschätzen, ist noch nie wichtiger gewesen als heute. Interesse und Offenheit für den Anderen und das Andere sind die Grundvoraussetzung für gegenseitiges Verständnis und gegenseitige Wertschätzung.

Denn so wie sich der Westen mit diesen (fraglich) fremden Kulturen vertraut machen muss, müssen die Menschen, welche in Deutschland und in westlichen Ländern im allgemeinen Zuflucht und eine Zukunft suchen, sich selbstverständlich mit der Kultur und den Wertvorstellungen des gegenwärtigen Aufnahmelandes auseinandersetzen.

Auch gilt es für sich klarzustellen, über was definiert man sich: Geschlecht, Rolle, Einkommen, Alter, Status, Beruf, Religion, Ethnie, Nationalität, Hobby, etc. Was ist für mich essentiell, was unwesentlich, bei was bin ich zu Kompromissen fähig, wo definitiv nicht?

Dies muss ein gegenseitiger Prozess sein. Je mehr man vom Gegenüber weiß, umso seltener werden Missverständnisse auftreten und umso eher gelingt es, die Welt durch die Brille des anderen zu sehen.

Die Analyse kultureller Unterschiedlichkeit und die Frage: Was schafft für mein Gegenüber kulturelle Identität und was gefährdet sie? – sind deshalb bei meiner Arbeit wesentlich  (ein einfaches Beispiel ist das sogenannte „Raumverständnis“, welches nach Edward T. Hall den „Wohlfühl-Abstand“ interagierender Personen beschreibt: hier gibt es (sozio)- kulturell-, alters- und geschlechtsdefinierte Unterschiede): Ab wann wird Körperabstand bzw. -Nähe als unangenehm empfunden – und von welchen Parametern hängt dies ab: Geschlecht, Bekanntheit, situative Bedingung, Stimmung etc.

Und wenn man diesen „Wohlfühl-Abstand“ unter Berücksichtigung unserer gefühlten subjektiver Bedrohung während der Corona-Pandemie betrachten, dann wird klar, wie auch aktuelle Ereignisse, sozusagen sowohl weltweit als auch „vor der Haustüre“ unsere „Wahrnehmung“ beeinflussen…

Is all that we see or seem

But a dream within a dream?

Edgar Allan Poe, published in 31st. of march 1849

Wahrnehmen – Bewusstwerden – Interpretieren

Wir (Menschen) nehmen die Welt (neurophysiologisch) identisch wahr, wir interpretieren sie aber unterschiedlich.

Die Entschlüsselung eines bestimmten Reizes nennt man Wahrnehmung. Manche Reize können Menschen nicht wahrnehmen, weil wir dafür entweder keinen Rezeptor/Codierer und/oder keinen Entschlüssler = Decodierer besitzen. Andere Lebewesen können andere Reize wahrnehmen (Beispiel: bestimmte Fische: elektromagnetisches Feld; Schlangen: infrarote Strahlen).

  1. Viele Reize nehmen wir mit unseren Sinnesorganen wahr, nur wenige werden uns bewusst: Hierzu müssen diese Impulse von den „Wahrnehmungs“-Neuronen zu anderen spezialisierten Zellen, welche sich im Gehirn befinden, weiterverschaltet werden.
  2. Hier wird beispielsweise aus Licht einer bestimmten Wellenlänge die Farbe „grün“. Man sagt umgangssprachlich: Diese Farbe wird als „grün“ wahrgenommen. Korrekt müsste es heißen: Diese Wellenlänge wird als „grün“ bewusst (wahrgenommen). Alle Menschen mit entsprechenden Rezeptoren nehmen Licht in der Wellenlänge von 500-570 nm als „grün“ wahr (wie immer dieser Farbeindruck in der jeweiligen Sprache auch heißen mag)
  3. Wenn nun zu dieser Farbe „Grün“ zusätzlich eine spezifische Form wahrgenommen wird, dann wird dieses „Grün“ plus „Form“ z. B. als „Baum“ erkannt (Erkennen heißt, es wird mir bewusst!). Das Individuum hat über den Vorgang des bloßen Wahrnehmens und bloßen Bewusstwerdens hinaus eine vorläufige Interpretation geliefert: Dieses Grün mit dieser Form sieht aus wie ein Baum.
  4. Das bedeutet, das Individuum weiß, was ein Baum ist, und dieses innere Bild eines Baumes erinnert an das aktuelle (innere) Bild von „Grün“ plus Form.
  5. Vergleichen heißt erinnern.
  6. Erinnern heißt, das Gedächtnis zu aktivieren.
  7. An dieser Stelle wird klar, dass ein Bewohner des Amazonasgebietes mit dem Terminus „Baum“ etwas anderes assoziiert als ein Bewohner Nordeuropas. Das heißt, zwar interpretieren alle Menschen diese sensorische Wahrnehmung (nämlich Licht in der Wellenlänge von 500-570 nm = grün) plus Form identisch als „Baum“. Aber dieser Baum kann eine Palme, ein Nadelbaum oder aber ein Urwaldriese sein.
  8. Wenn nun ein solcher „Tannenbaum“ bei manchen Betrachtern die Erinnerung an „Weihnachten“ wachruft, ist die Anzahl der Menschen, welche einen Tannenbaum mit einem christlichen Fest assoziieren, weiter geschrumpft, aber immer noch groß genug, dass man diese Erinnerungen mit anderen teilen kann.
  9. Wenn nun als letzte Vorstellung vor dem inneren Auge die Erinnerung an das „schlimmste jemals erlebte Weihnachtsfest“ auftaucht, ist man auf einmal mehr oder weniger alleine mit seiner „Wahrnehmung“, welche bei einer Farbe und einer Form begonnen hatte.
  10. Fazit: was eine ubiquitäre Wahrnehmung beim einzelnen Menschen für Interpretationen und Assoziationen auslösen kann, kann so individuell sein, wie die Menschen sein können.

Kausalattributionen – die Frage nach dem Warum.

Die aus der Sozialpsychologie stammenden Bezeichnungen „Kausalattribuierung“ oder „Kausalattribution“ beschreiben den Schlussfolgerungsprozess, durch den Beobachter einen Effekt oder ein Ereignis auf eine oder mehrere Ursachen zurückführen, „attribuieren“ (lat. attibuere = zuschreiben). Da der Mensch nicht die „Realität“, wie sie ist, (vollständig) sehen kann, rekonstruiert er sie aktiv, selektiv bzw. hypothesengeleitet. Attributionen sind demnach Meinungen und Überzeugungen über die Ursache von Ereignissen und Sachverhalten.

Unter Kausalattribution versteht man also die sogenannte Ursachenzuschreibung nicht nur des eigenen oder fremden Handelns und Verhaltens, sondern auch die Begründung für Ereignisse, welche geschehen oder geschehen sind. Im engeren Sinne unterscheidet man die internale Kausalattribution bei welcher eine Person die Ursache eines Ereignisses bei sich sieht, eine externale Kausalattribution liegt vor, wenn die Ursache eines Ereignisses bei anderen Personen, Umwelteinflüssen oder Faktoren gesehen wird.

Die Art und Weise wie Ereignisse und Zustände begründet werden, hat einen nachhaltigen Einfluss auf die Lebensgestaltung, das individuelle Moral- und Wertesystem und spezifisch die Interaktion des Betreffenden mit seiner sozialen Umwelt.

Für die Zuschreibung von Ursachen auf Handlungsergebnisse und -folgen ist entscheidend, welche Ursachen man für den eigenen Erfolg oder Misserfolg verantwortlich macht.

Oder in anderen Worten: Kausalattribuierung versucht „Warum-Fragen“ zu beantworten, wie zum Beispiel: 

Warum gibt es Krieg in meinem Land?

Warum wurde ich inhaftiert?

Warum wurde ich gefoltert?

Warum bin ich auf meiner Flucht übers Mittelmeer nicht wie anderen ertrunken?

Im Kontakt mit Mitmenschen per se, aber insbesondere bei der Arbeit und den Begegnungen mit Migranten stellen sich in diesem Kontext verschiedene Fragen:

Wie interpretiert der „Andere“ seine momentane Situation, Lebensereignisse und Zustände: Positive „Live events“ wie „Glück“, „Reichtum“, körperliche und psychische „Gesundheit“, und negative wie Krankheit, Krieg, Verfolgung, Ablehnung, Flucht?

Werden diese interpretiert als: Zufall oder Strafe oder Prüfung oder Karma etc.?

Welche ethisch/moralischen Werte hat der Flüchtling? Hat er diese diskursiv reflektiert oder sind diese ein Bauch/Leber/Kopf-Gefühl?

Daraus abgeleitet: Wie ist seine Einstellung zu Hierarchien, sein Verhältnis zu Autoritäten und „Untergeordneten“ (Helfern, Frauen?)

Wie ist seine Erwartungshaltung gegenüber einem Sozialarbeiter, wie gegenüber einem Arzt, welches Rollenverständnis hat er bezüglich der Beziehung Arzt – Patient?

Handlungsfreiräume

Eng mit den Kausalattributionen (also: was bedingt Ereignisse im Allgemeinen und Ereignisse, welche ein Individuum oder eine Gruppe betreffen) verknüpft ist das Konzept der Handlungsfreiräume und der hiermit verbundenen Kontrollattributionen (also: inwieweit bin ich Herr oder Frau in meinem eigenen Haus / bin ich selbstbestimmt).

Kultur ist sicher eine der umfassendsten „Situationen“ die auf unser tägliches Leben einwirkt bzw. mit diesem in Wechselwirkung steht. Und somit muss es nicht wundern, dass nach einem Prozess der Akkulturation in einem fremden Land sich Kontrollattributionen und Kausalattributionen beispielsweise bezüglich eigener Situation und bezüglich Krankheit ändern.

Welche Handlungsfreiräume hat der Geflüchtete, welche ein Kranker? Diese entsprechen unterschiedlichen Vorstellungen der individuellen Beziehung zu einem Staat / zu einem Gott / einer höheren Macht oder mit den Umgebungsbedingungen oder zu/mit niemand/nichts.

Zusammengefasst möchte ich von meinem, mir fremden Gegenüber wissen:

  • Welche Kausalattributionen leiten das Wahrnehmen, Denken und Handeln des Betroffenen und umgekehrt – auf welchen Grundlagen, aufgrund welcher Erfahrungen oder Prägungen sind diese Kausalattributionen entstanden.
  • Wie tragfähig ist das hieraus abzuleitende und damit wechselwirkende politische, religiöse oder sonstige Glaubenssystem?
  • Oder ganz allgemein formuliert: Wie „tickt“ der oder die Betroffene bezüglich grundsätzlichen Fragen wie Gerechtigkeit, Ungleichheit der Verteilung von allgemeinen als auch sozialen Ressourcen etc., bezüglich des eigenen Schicksals, bezüglich Erkrankung, bezüglich des Lebens per se?
  • Was ist für mein Gegenüber „sinnstiftend“ und welche Tätigkeit „sinnvoll“? Welche Aufgaben hat er in diesem Leben, für welche Aufgaben hat er zu leben?
  • Und speziell im Kontext von forcierter Migration oder Flucht sowie dem Fremden: Wie interpretiert der/die Betroffene die Notwendigkeit von Flucht, den Zustand der Migration, beziehungsweise den Umstand ein Migrant zu sein, die Verteilung zwischen Nord und Süd, Ost und West? Welche Position nimmt er zur Stellung der Frau ein, welche zu Aggression und Gewalt?
  • Was benötigt mein Gegenüber, was kann er selbständig und selbstbestimmt bewältigen, wie und welchem Umfang kann und sollte die Gesellschaft unterstützend tätig werden?  

Die Beantwortung aller dieser Fragen kann nur im gemeinsamen Diskurs gelingen.

Peter Kaiser